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Krankheiten durch Reizüberflutung

Kindergartenkinder, die nur Zweiwortsätze stammeln, Grundschüler, die sich auf einfachste Aufgaben nicht mehr konzentrieren können: gegen diese neuen „chronischen Leiden“ kämpfen Kinder- und Jugendärzte heute in ihren Praxen.


„Wir erleben, wie bei Kindern Entwicklungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten aufgrund zunehmender Reizüberflutung durch Computer und Fernsehen bei gleichzeitiger mangelhafter familiärer Förderung zunehmen und die soziale und intellektuelle Entwicklung nachhaltig behindern. Diesen neuen Kinderkrankheiten müssen wir mit neuen Therapiekonzepten begegnen, sonst verlieren wir eine ganze Generation, “ so Dr. med. Thomas Fischbach, Landesvorsitzender der nordrheinischen Kinder- und Jugendärzte.

Dr. med. Antonio Pizzulli, Fortbildungsbeauftragter des LV-Nordrhein: „Vor allem Kinder aus bildungsfernen und sozioökonomisch benachteiligten Familien sind betroffen. Diese Kinder sind von Geburt her nicht weniger begabt als andere, ihr Entwicklungsdefizit entsteht durch mangelnde Förderung innerhalb und außerhalb der Familien." Fehlende Anregung und gleichzeitiges „Dauerparken“ vor Computer, Playstation und Fernsehen verletzen Körper, Geist und Psyche dieser Kinder und verursachen die neuen Kinderkrankheiten.

 

Reizüberflutung durch Internet und Fernsehen

Beispiel Internet: Bereits 35 Prozent aller Kinder zwischen 8 und 12 Jahren nutzen das Internet. Allerdings birgt diese an sich positive Entwicklung Gefahren. Bei unkontrolliertem Gebrauch haben Mädchen und Jungen zu allem, was das Internet bietet, Zugang. Sie werden mit Bildern konfrontiert, die sie nicht verarbeiten können.

Beispiel Fernsehen: Leider sitzen die meisten Kinder viel zu lange vor dem Fernseher: Drei- bis Fünfjährige verbringen durchschnittlich 76 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm, Zehn- bis 13-Jährige 113 Minuten. Eine große Rolle spielt der Zugang zum Fernsehgerät. So sehen Kinder - vor allem Jungen - mit eigenem Apparat deutlich länger fern als Kinder, die kein Gerät besitzen. Inzwischen verfügt jedes dritte Kind im Alter von sechs bis 13 Jahren über ein eigenes Fernsehgerät, in den neuen Bundesländern sogar jedes zweite - Tendenz steigend, wie der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest ermittelt hat.

Der Fernsehkonsum übersteigt bei vielen Kindern die Fähigkeit alle Eindrücke, Reize und Belastungen zu verarbeiten. Die Folgen liegen auf der Hand: Schülerinnen und Schüler "zappen" durch den Unterricht wie durch das Fernsehprogramm, weil Medien Informationen in kurzen Sequenzen liefern und Kinder sich an schnelle Bilderwechsel gewöhnen. Ausdauer und Konzentration nehmen dramatisch ab.

Mit Sorge stellen Lehrerinnen und Lehrer fest, dass viele Kinder vor allem nach Wochenenden oder Feiertagen völlig übermüdet und unkonzentriert im Klassenzimmer sitzen und dem Unterricht kaum folgen können." Die besorgniserregende Entwicklung wird von der Wissenschaft bestätigt: So sehen Kinder an Wochenenden überdurchschnittlich viel fern. Der Höhepunkt ihrer Fernsehnutzung liegt zwischen 18.45 und 20 Uhr. Freitags sitzt um 21.45 Uhr noch jedes fünfte Kind vor dem Fernseher, samstags um 22.45 Uhr sind es immerhin noch zehn Prozent aller Kinder.

Die in vielen Filmen gezeigten Gewalt- und Horrorszenen können Verhaltensauffälligkeiten auslösen und im schlimmsten Fall sogar die Hemmschwellen für Gewaltbereitschaft senken. Selbst in so genannten Kinderfilmen kann es zu Szenen kommen, die für kleine Zuschauer äußerst fragwürdig sein können. Der Tod eines Tieres in einem Fernsehfilm etwa kann für ein Kind trauriger und belastender sein als der Bericht über eine Naturkatastrophe mit zahlreichen Menschenopfern.

 

Mediennutzung: Seelische Belastungen verhindern

Schule und Kindergärten können diese Defizite nicht ausgleichen, aber auch therapeutische Maßnahmen wie "Ergo-" und/oder "Sprachtherapie" können die durch Mangel an Erziehung verursachten Entwicklungsdefizite nicht kompensieren. Kinder- und Jugendärzte haben daher damit begonnen, Modellprojekte - z.B. im Bereich der frühkindlichen Sprachförderung – zu entwickeln, mit deren Hilfe die soziomedizinischen Probleme verhindert bzw. frühzeitig gelöst werden sollen.

Eltern sollten sich ernsthaft mit die Gefahren der Reizüberflutung auseinandersetzen. Wenn sie in der Freizeit viel mit ihren Kindern unternehmen und ihnen ihre Zuwendung zeigen, fördern sie auf jeden Fall deren seelische Gesundheit. Die Nutzung von Computer und Fernsehen sollten die Entwicklung der Kinder nur sinnvoll ergänzen und nicht ihre Freizeit komplett ausfüllen. Eltern können in diesem Zusammenhang mit einem guten Vorbild voran gehen und ihren Kindern einen bewussten Umgang mit den Medien lehren.

Außerdem ist es ist wichtig, dass sich Kinder im Anschluss an eine Fernsehsendung mit Erwachsenen über den Inhalt unterhalten können. Sie können belastende Szenen erklären, beruhigen und trösten. Oft genügt schon aufmerksames Zuhören, wenn Kinder das Gesehene noch einmal erzählen.

Quellen: PM bvkj, BLLV

 

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